Ich kann seine Gedanken lesen. Richtiges Gedankenlesen, wie im Kino. Es ist so einfach bei ihm. Er hat so klare Gedanken – so einfach.
Alles ist einfach bei ihm.
Ich frage ihn, wie es ihm geht, er denkt „gut“, er sagt „gut“. Ich frage „wie war dein Tag“, er denkt „geht so“, er sagt „geht so“. „Möchtest du etwas Besonderes zu essen heute?“ – „Nein“, „Nein“. Liebst du mich? – „Ja“, „ja“. Doch ich bekomme nicht mit was er fühlt.
Ich sehe ihn minutenlang voller Sehnsucht aus dem Küchenfenster starren, während er seinen Tee in seinen Händen erkalten lässt, und frage ihn, ob er etwas vermisst. „Nein“, und genau das denkt er auch. Aber ich kann sehen, daß es ein Loch in ihm gibt, dafür brauche ich meine Fähigkeit nicht. Er weiß übrigens nichts von ihr.
Ich wollte es ihm erst sagen, versuchte einen passenden Moment zu finden, doch ich wusste, daß dann seine Gedanken nicht mehr die seinen wären. Er würde denken, was ich hören will – was er meint denken zu müssen. Und ich wartete auch auf etwas Neues in ihm, von dem ich nichts weiß. Jetzt weiß ich mehr, als mir vielleicht lieb ist.
Ich weiß, daß seine innere Stimme stumm geworden ist. Es gibt nicht das Teufelchen und das Engelchen, das so klischeehaft wie ein Abziehbild an unseren Gedanken klebt. Auch dieses innere Kind - es bleibt zuhause und kommt nicht mehr zum Spielen heraus. Er war stumm geworden. Viel stummer als jemand, dessen Stimmbänder nicht mehr vibrierten. Ich bin mir sicher, daß Blinde Dinge im Kopf sehen, Taube sich Geräusche vorstellen, aber er funktioniert nur noch.
Einmal frug ich ihn, was er denkt. Da wühlten sich dutzende Gedanken durch seinen Kopf, zu viele, als daß ich sie verstanden hätte. Er frug sich, was ich damit wollte und ratterte wohl eine Liste herab, um dessen passendste Antwort zu finden. „An nichts Besonderes“ – das dachte er nicht einmal, er sagte es einfach. Standardantwort 3.
Warum ich immer noch mit ihm zusammen bin? Er ist gut zu mir. Er lügt mich nicht an und er ist für mich da. Er denkt auch öfter an mich; er sagt zwar wenig darüber, aber manchmal denkt er an mich. Und wenn wir nicht gestritten haben (ich wollte nicht den Eindruck erwecken, als käme alles von ihm), fallen ihm Sachen über mich ein, die mich erröten.
Was ich denn habe, fragt er mich dann immer. Dann wäre ich froh, wüsste ich nicht was er denkt, mir fehlt das Geheimnisvolle.
Er ist wie ein Haus, wie ein altes Haus. Und ich bin seine letzte tragende Wand.
(Text: Angelus. Hörtext Lizzy/HvidLiljer)
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