Sonntag, 11. Januar 2009

Als Leonore flog

Fliegen wollte sie; davon träumte sie immer.
Mit ihren kleinen Händen faltete sie Papierflugzeuge – so wie es ihre Mutter ihr einmal gezeigt hatte – ging auf den Balkon mit ihnen, ließ sie fliegen und träumte ihnen hinterher. Sie zeichnete manchmal kleine Menschen auf die Flugzeuge, oder auch andere Tiere. Auch neue Modelle bastelte sie, aus ihrer Phantasie, doch nur wenige flogen. Und manchmal fuhr sie auch mit dem Fahrstuhl nach oben und ging aufs Dach, ohne daß jemand es bemerkte. Sie breitete die Arme aus, wenn es windig war und schloß die Augen. Manchmal drehte sie sich auch dabei und stellte sich vor auf einem hohen Berg zu sein, und die Wolken zogen durch ihr Haar.
Aber nur vorstellen war ihr nicht genug. Sie traf Vorkehrungen um wirklich zu fliegen, nur in der Luft, ohne Boden unter ihren Füßen. Immer, wenn ihr Essen ins Zimmer gebracht wurde, frug sie, wann es denn endlich so weit sei. „Bald“ bekam sie immer als Antwort, „bald Leonore“. Nachts lief sie durch die Wohnung, wieder mit geschlossenen Augen, nur im Nachthemd, streifte im Vorbeigehen über Wände, Stühle, Bilder und allem, was sie in ihrem Fluge passierte; während ihre kleinen Füße auf dem Linoleum 2 Vögel waren, die sie an jeder Seite begleiteten und ihr immer wieder zuriefen, wie toll sie doch flöge. So berührten ihre Finger immer wieder Baumkronen und Dächer, denn sie liebte es auch tief zu fliegen, da man so die Geschwindigkeit besser spürte. Am liebsten über die leere See, unglaublich schnell und gerade einmal weniger als einen halben Meter über dem Wasser. Und dabei steckte sie gerne einen Finger ins Wasser und blickte hinter sich um die Fontäne zu sehen, die sie erzeugte.
Ein Ziel hatte sie nie. Ihr war das Wo wichtig, nicht das Wohin. Im Winter flog sie nicht nach Afrika ins Warme, im Sommer nicht nach Italien. Vielmehr über Berge und Täler, vorsichtig durch Wälder, seit kurzer zeit auch ganz behutsam durch Tunnel Canyons, oder auch rücklings über Wiesen; wonach sie die Blumen aus ihrem Haar wusch, im See. Ihr Essen nahm sie nur noch verringert auf. Sie wollte leichter und leichter werden, damit sie ihr optimales Fluggewicht erreichte. Auf fiel es niemandem, da niemand sich um sie kümmerte. Nur, wenn man ihr ihr Essen brachte fielen ein paar Worte; die sie nicht mehr erreichten, auf den rotschwarzen Teppich. „Mein Leben ist nicht leicht“ sagte sie sich, als ihre dünnen Finger die große Waage rausholten, die unter dem Badschrank stand, „da muß ich es wenigstens sein“. Sie wog sich jeden Tag, doch hatte auch hier kein Ziel, denn, wenn sie ehrlich war zu sich selbst, was wusste sie schon über Physik, über Auftrieb und Aerodynamik? So aß sie weiter und weiter weniger und weniger, und weiter und weiter fiel es weniger und weniger auf.
So vergingen ihre Tage, bis sie den einen fand, auf den sie schon so lange wartete. Es war warm, doch windig, fast stürmisch, der Morgen würde in Kürze über sie hereinbrechen. Und sie fasste Mut. Gestern Abend sah sie sich Bilder an, von ihrem besten Freund, der ihr alles bedeutete, und der vom einen auf den anderen tag nicht mehr an ihre Türe klopfte. Das Letzte, das er zu ihr sagte war „Morgen sitze ich wieder im Flieger, es wäre schön, wärest Du auch da“. So nahm sie ihren Mut, steckte sich ein Bild von ihm unters Nachthemd, direkt aufs Herz, ging in den Fahrstuhl und drückte mit ihrem Ellenbogen - damit es keine Fingerabdrücke, keine Spuren gab - wie so oft die 21, zog die schwere Leiter herunter, ging aufs Dach und schaute in den noch dunklen Himmel, flüsterte ein „Heute…heute“ in den Wind und kletterte auf die Brüstung; der raue Boden drückte sich in ihre Knie. So stand sie da, mit fest ausgebreiteten Armen, festem Blick und spürte, wie ihr Hemd und Haar im steifen Gegenwind flatterten. Ihr Entschluß war so wenig zu brechen wie ihre Liebe zu ihrem Freund. So lief sie an, rannte immer schneller, so schnell sie konnte, keuchte und stieß sich endgültig vom Rande ab.
Sie fühlte sich frei, als sie um sich herum nichts mehr außer Wind spürte. Schloß die Augen und genoss das Gefühl. Sie fühlte sich so fern der Welt, und dabei so eng ihrem Freund, daß sie weinte. Sie weinte für die ganze Dauer ihres kurzen Fluges und lächelte dabei.
Als der Morgen völlig hereingebrochen war, fand man sie schließlich, mit einer letzten Träne und einem milden Lächeln auf dem Gesicht. Das Einzige, was den anderen dazu und zu ihr einfiel waren die Worte, in Stein gemeißelt, „Hier ruht Leonore Sophie Bellarue, kinderlos, 74 Jahre alt“.


Text:naseweiß & mondgebräunt - von Angelus

1 Kommentare:

Kriegerin DerTräume hat gesagt…

Also, das ist wirklich eine besondere Geschichte. Träumerisch, traurig und überwältigend. Ich glaube, ich habe meinen Atem zum Schluss angehalten. Danke fürs lesendürfen. Lg. A