Donnerstag, 18. Dezember 2008

Mina



Mina hat so alles, was man sich wünschen kann; Sie bekommt all das, was Sie sich wünscht. Ja, auch Zeit, Aufmerksamkeit und Liebe, genug sogar. Mina ist jetzt etwa 7 Jahre alt, hübsch, und in etwa das Kind, das man sich wünscht, wenn man sich denn eines wünscht. Doch Sie lacht selten, und spielen tut Sie auch fast nie. Traurig ist Sie nicht, niemand tut Ihr weh, niemand würde auch nur daran denken. Doch Ihr fehlt etwas, etwas Großes.
Als Mina noch ein Kleinkind war, fiel Sie einmal vom Bett, auf dem Sie gerade gewickelt wurde, und stieß sich den Kopf. Nicht doll, es blutete nicht, aber es reichte, um Ihren Kopf etwas kaputt zu machen.
Minas Gehirn ist komplex. Es arbeitet auf eine Weise, die dem jedes anderen fremd wäre, und die ein anderes sicher zerstören würde. In Ihrem Kopf gibt es mehr Verbindungen als üblich, es gibt Zentren, die der heutigen Wissenschaft noch unbekannt sind. Und als Sie fiel und sich den Kopf stieß, wurden nun viele der Verbindungen unterbrochen, und, was schlimmer wiegt, eines der vielen Zentren, ein empfindliches, wurde so arg beschädigt, daß es nicht mehr funktioniert. Das Zentrum der Phantasie.
Wenn Mina vor Ihren bunten Spielsachen steht, dann sieht Sie nur das viele bunte Plastik und Holz. Wenn Sie Ihre Puppen in der Hand hält, dann spürt Sie nicht das Leben in ihnen. Ein Regenbogen ist für Sie nicht mehr als ein bunter Bogen am Himmel. Sie sieht nicht die Einhörner, die auf ihm laufen, die Kobolde am Ende, oder die Feen, die darauf umher fliegen.
Minas Zimmer ist immer aufgeräumt. Wenn Sie bei anderen Kindern ist, gefällt Ihr die Unordnung in deren Zimmern nicht. Sie sagt nie etwas, denn Sie weiß, daß man darüber nichts sagt, aber wenn man Sie nicht sieht, räumt Sie heimlich ein paar Sachen ein. Ihre Eltern wissen nicht, was Ihr fehlt. Sie waren bei Ärzten und Therapeuten. Aber die Ärzte haben nicht die Geräte, die sensibel genug sind für Ihr Gehirn, und die Therapeuten finden keinen Ansatz; können Sie nicht greifen. Von allen, den Eltern eingeschlossen, wurde insgeheim vermutet, daß Ihr jemand Schaden zufügt, aber niemand wüsste wer, und es finden sich auch nie körperliche Anzeichen.
Beliebt ist Sie, nun, teils. Sie ist sehr freundlich, hilfsbereit, geht einigermaßen offen auf die Menschen zu und sagt nie ein böses Wort, aber für viele ist es anstrengend Sie länger bei sich zu haben. Sie lacht selten. Es wird immer versucht Ihr eine Freude zu machen. Egal, ob schönes Spielzeug, ein Ausflug in den Vergnügungspark oder Spiele die sie zuhause spielen – selten sieht man Sie wirklich lachen.
Traurig ist Sie nicht – Sie ist irgendetwas dazwischen.
Was Sie später einmal werden will weiß Mina bereits. Sie will Schränke entwerfen. Sie will Ordnung in die Häuser der Menschen bringen. Sie merkt, daß von ihr etwas erwartet wird, denn dumm ist Sie auch nicht, aber sie weiß nicht was, und Ihre Eltern können es Ihr nicht erklären.
Für die Rolle in der Welt, die für Mina vorherbestimmt war, passt Sie nicht. Sie ist zu klein um diese Lücke zu schließen.


Eine Zuggeschichte.
„Mina" war zuerst da - Sie schrieb sich selbst.
Text: naseweiß & mondgebräunt - von Angelus
Hörtext: Lizzy, Musik: Allison Crowe

1 Kommentare:

Kriegerin DerTräume hat gesagt…

Ach, das ist eine sehr traurige Geschichte :,-( Richtig gut geschrieben. Ich lese sie bestimmt noch mal. lg. A