Dienstag, 16. Dezember 2008

„...beim Führer hätte es so etwas nicht gegeben"

Ich und er haben ein Spiel, wir sind unser eigener Debattierklub. Das funktioniert, indem wir ein Thema nehmen, einer muß dafür und einer dagegen sein. Wer was ist wird mit einer Reichsmark mit Hakenkreuz entschieden, auf die wir auf einer Seite „Sieg“ und auf der anderen „Heil“ eingekratzt haben, damit es von Anfang an gleich brisant zugeht. Wichtig ist noch zu sagen, daß wir nicht unbedingt wir selbst sein müssen. Zum einen haben wir ja nicht zu allem einen Bezug, und zum anderen schützt einen das auch.
Wenn ein Thema ins Stocken gerät, es ausgelutscht ist, oder einfach langweilig wird, ruft einer den inoffiziellen Schlusssatz „…beim Führer hätte es so etwas nicht gegeben“. Das ist so wie das Codewort beim SM (die Münze verleitete uns…).
Letztens haben wir wieder das „St. Galler Tagblatt“ zerrissen und blind einen Schnipsel gegriffen – unsere Methode, wenn wir bei der Themenwahl nicht weiter wissen. Auf dem Schnipsel stand „nd begann Selbstmord“. Die Reichsmark wies ihm die Rolle des Befürworters.
„Es ist unmenschlich.“ – „Das Wort ist falsch. „Mord“ ist jemanden gegen seinen Willen zu töten. „Freitod“. Es ist nicht unmenschlich. Der Mensch will alles unter Kontrolle bringen. Der letzte Schritt kann daher nur sein Zeitpunkt und Art des Todes selbst zu bestimmen.“ – „Was ist mit Deiner Familie, Deinen Freunden, die alle unter der Trauer leiden würden?“ – „Wenn es da so arg viele geben würde, wenn ich jemanden hätte, der um mich weinen würde, würde ich dann überlegen, mit einem letzten Zucken meines Zeigefingers aus dem Leben zu treten?“ – „Aber was ist mit all dem Glück, das Du verpasst, all die Küße, wenn es draußen regnet, die Sonnenuntergänge zu zweit, all die Freuden, die das Leben bietet?“ – „Wie gesagt, würde ich daran denken, hätte ich all dies, oder auch nur einen Teil dessen? Ich weiß, daß es viel Schönes gibt auf der Welt, aber auch, daß mir fast alles davon verwährt bleibt.“ – „Woher willst Du das so genau wissen? Was ist, wenn sich einen Tag später alles geändert hätte?“ – „Warum, weil morgen die Prinzessin auf dem Ross angeritten kommt? So etwas gibt es eben nur im realitätsfernen Märchen, und nicht für Leute wie mich. Die Welt ändert sich nicht komplett von heute auf morgen. Zehntausende Jahre Entwicklung, und immer noch geht es nur ums Töten und Kindermachen.“ – „Und deswegen würdest Du Dir Dein Gehirn mal kräftig durchlüften?“ – „Nein, wenn, dann würde ich mir durchs Herz schießen, dann wäre endlich und sicher Schluß mit dem Mist“
Mir war komisch im Magen. „...beim Führer hätte es so etwas nicht gegeben“.

Etwas war dieses Mal anders. Er kann schon gut in andere Rollen schlüpfen – er sagte mir mal, daß jede einen eigenen Namen hat, das macht es leichter – aber diesmal war die Figur zu lebendig, er spielte sie zu leicht.

Text: naseweiß & mondgebräunt - von Angelus

2 Kommentare:

Lizzy hat gesagt…

Auch ein toller Text und zu anfang auch irgendwie echt witzig, besonders auch dann noch die Aussage mit dem SM und der Münze der Verleitung, das gefiel mir, da musste ich lachen. Aber dann wurde es mir etwas zu bitter. Ich kann dazu nur sagen: Ich mag Märchen. Und ich mag auch Märchen ohne Prinzen, zumal die meistens überschätzt werden, wie auch im richtigen Leben. Und mal ehrlich, die Prinzessinen braucht man eigentlich auch nicht. Ausserdem sind die fast alle nur blond im Märchen, und glaub nicht das sei ein Zufall, auch meistens nicht sehr helle. Man halte sich lieber an die "Hexen". Ich glaub, das es nichtmal eine Prinzessin gab die rote Haare gehabt hätte, zumindest nicht in den deutschen Märchen (in anderen Ländern vielleicht auch eher nicht). Ich glaub, die "böse Stiefmutter" von Schneewittchen war ne Rothaarige, zumindest laut meiner Kindervideofassung, naja, oder Hexen eben und die ganzen Beschreibungen über Warzen auf Nasen etc, die wurden aus Neid dazuerfunden, ausserdem sind Hexen unterschätzt. Und glaub nicht, damit wäre das beendet und heute würde man so nicht mehr denken. Das ist wie bei einer bekannten Drogerie einzukaufen, die haben da mittlerweile so Monitore, auf denen man nachsehen kann, welches Makeup und Lippenstift etc pp am besten zu einem passt. Ich denk, na dann, schau mal rein, was zu dir passen könnte. Das Problem war nur: Ich fand mich darin einfach nicht. Da gab es ne Schwarzhaarige, ne Blonde und ne Brünette. Tz, bevor ich ne Rothaarige darin finden würde, gäbe es sogar schon ne Auswahl für Grünhaarige und Glatzträger.
Quintessenz: Halt Dich an die Hexen. Ich glaub, mindestens eine existiert da sicher und die erkennt man meistens ganz leicht: hübscher, klüger, kreativer und perfekt UND arrogant. Kennste eine, wa?^^

Frank hat gesagt…

Lizzy Kommentar find ich echt lustig- und rote Haare sind einfach irre gut, das noch dazu.
Ich muß bei dieser Geschichte an meinen Opa denken wir hatten so ein ähnliches Spiel wir zwei wenn ich ihn mal sah bis er dann gestorben ist. Er hatte am Ende nicht mehr viel vom Leben aber er hatte irrsinnig viel erlebt.