Sonntag, 5. Juli 2009

Ich würde nur mich selbst treffen



Scheiß auf Liebe und ähnlichen Mist.
Scheiß aufs Schicksal. Scheiß auf
Dich und auf mich und vorallem scheiß
auf UNS....

Ich sehe Dich an und erkenne mich nicht wieder. Ich sehe mich an und erkenne Dich in dem wieder, was Du aus mir gemacht hast. Und trotzdem erkenne ich Dich nicht wieder. Es ist selten, dass soviele Komponenten exakt zusammenpassen,während eine einzige Komponente alles zerstören kann. Du wirfst den Sinn einfach weg, vielleicht weil Du nie begriffen hast, dass alles was danach kommt keinen Sinn mehr ergeben kann. Du lebst aber immer wird etwas fehlen. Das Einzige, was Dich hätte wirklich glücklich machen können schmeisst Du achtlos in den Müll und wenn du später danach suchst, ist es für immer verschwunden. Deshalb ist es so schwer mit Entscheidungen. Egal für welche Seite Du Dich entscheidest, Du wirst ihr niemals gerecht werden. Auch wenn Du alles dafür geben würdest, auch das Letzte, dass Du besitzt. Du wirst dem nie gerecht werden. die Lücke wird niemand schliessen können und sie wird immer da sein, es wird spürbar sein. Immer dann, wenn Du scheinbar überhaupt nicht daran denkst, während du versuchst weiterzumachen wie bisher und erkennst, dass sich nichts ändert, als wärst Du ein Hamster im Laufrad. Niemals ändert es sich. Das Schlimmste, dass du mir antun kannst ist, wenn ich anfange Dich zu hassen, obwohl ich Dich liebe. Wenn ich anfange Dich zu hassen, weil mich selbst zu hassen nicht mehr hilft. Einfach weil der einzige Sinn in meinem Leben verschwunden ist und ich nichts tun kann, ihn zurück zu holen, ohne mich selbst zu verachten. Zum Unglücklichsein braucht man keinen Gegenpart. Es ist der einzige Punkt, bei dem es vollkommen egal ist, ob man alleine ist. Ich könnte Dir die Pest an den Hals wünschen, würde aber immer nur mich selbst treffen.

Lizzy.

Mittwoch, 10. Juni 2009

Musik ist gut, sie sagt einem, was man denken soll

Ich weiß gar nicht, welchen Sinn es hat einen Brief zu schreiben, der nie abgeschickt wird. Sicherlich werde ich einen, aber eben nicht diesen Brief abschicken. Ich werde ihn noch mal schreiben, und dabei so sehr ändern, daß nicht mehr viel übrig bleibt. Von dem, was ich zwar sagen, du aber nicht hören willst, Der zweite Brief wird soviel Make up bekommen, daß er zwar schön, aber eben nicht echt ist.
Vielleicht ist es gut, daß ich nicht jeder Laune ungefiltert nachgehe. Klar sollte man auf sich selbst hören, nur eben nicht ohne Filter. Einen guten, der nicht verstaubt, sodaß nichts mehr durchkommt. Meiner aber war staubig. Als ich mit dem Rad zu den Treppen am Schwimmbad fuhr. Ich stellte mir vor, wie es wäre einfach nicht zu bremsen und hinunter zu fahren. Genau, mein Rad; das, das schon nach der ersten Stufe auseinander fallen würde. Ich sah mich halb aus der Ich-Perspektive und halb von außen. Sah, wie das Rad auseinander und ich auf die Treppen fiel. Ich hatte keine Angst, jedenfalls keine, die mich anschrie, mehr sagte sie etwas wie „Lass´ das mal lieber“, ganz sachlich. Dann lag ich unten, auch sachlich, keine Schreie. Hier und da Hämatome (was man nicht alles bei Emergency Room lernt), etwas Blut, nichts wirklich Schlimmes.
Doch die Filmvorführung in meinem Kopf endete einen Meter vor den Stufen, und so gab es außer dieser Sneak Preview keine weitere Aufführung – wenn auch das Bremsen komplett von meinem Kopf ausging. Der Rest hätte schon gerne diese Abwechslung erlebt.
Ich will schreiben und kann nicht. Ideen habe ich genug. Nur mein allgemeines Problem weitet sich aus. Mir fehlt der Elan. Wobei das irgendwie nicht wirklich passt. Mit fehlt der Sinn. Körperpflege betreibe (ich empfinde es wirklich wie in einem Betrieb) wie es normal ist, ziehe mich ok an, aber ich weiß nicht wofür. Sicher, Peinlichkeiten ertragen will ich nicht, aber für wen ich es wirklich mache weiß ich eben auch nicht.
Ich könnte das Zeichnen anfangen, oder Malen. Aber für wen? Für mich nicht. Der Zug ist längst durch den Bahnhof gerauscht. Zumal mein Talent bescheiden ist. Ich will keine Grundlagen lernen, ich will mich nur an die Spitze heran arbeiten. Ich bin zu alt für einen Anfang. So geht es mir mit vielem. Ich könnte.
Ich würde mich gerne operieren. Nur den Kopf. Raus mit dem ganzen Müll und rein mit Schaltzentralen für Antrieb, Motivation, Können. Vielleicht den Speicher löschen, nur die Erinnerungen – nicht viel Arbeit. Wahrscheinlich wäre es besser, wüsste ich nicht, wer ich bin. „Sei einfach du selbst!“ – so ein Scheiß. Ich war ich selbst, und sie, wo ich jetzt bin. Ich selbst zu sein, das „ich“ in „mich“ zu zeigen, brachte mir nie etwas Gutes ein. Ich bin bei jedem anders, stelle mich ein, was Ausdruck anbetrifft, die Gedanken, den Humor. Mein „Talent“, ich kann (mich) gut adaptieren. Teils sind es nur subtile Unterschiede, wie ich bin.
Das lässt mich aber nicht darüber nachdenken, wer ich wirklich bin. Ich denken nicht gerne über mich nach, ich finde nicht viel Gutes. Klar gibt es da etwas, aber das ist eben nur etwas. Vielleicht das etwas, das mich die Klippe noch von oben sehen lässt, aber eben auch nur das etwas, das mich nicht mit einem Ford Mustang zufrieden dort lang fahren lässt.
Beim Schreiben also will ich, aber ich kann nicht. Ich bin wie ein Motor, der auf Hochtouren läuft. Im Leerlauf. Und sobald ich einen Gang einlege, säuft er ab. Ich sehe überall Ideen, Leute, die sich gut machen würden in texten, aber dabei bleibt es. Zumal ich auch früher fast nie Gesehenes verarbeitete. Ich will in meinen Texten weg von mir und meinem so genannten Leben. Das muss ich nicht auch noch in meinen Texten haben. Ich will mich nicht analysieren. Ich weiß, was alles falsch ist an mir und in mir und meist auch warum. Das Problem kennen heißt nicht eine passende Lösung zu haben. Eine, die zu mir passt, nicht zum Problem. Ich weiß, was sich ändern müsste. Du kannst einem Einbeinigen gute Ratschläge geben, das Bein wird nicht nachwachsen. Er kann eine Prothese bekommen, das ist sein Vorteil. Ich will eine Prothese für mein Herz. Schön zurecht gemacht.
Musik ist gut, sie ist laut. Selbst, wenn sie leise läuft. Sie sagt einem, was man denken soll. Fernsehen ist noch besser.
Die Menschen in Äthiopien haben es gut, sie schaffen es Diät zu halten. Daran denke ich, wenn du mir sagst, daß ich es gut habe, ohne Herz-Kram. Ein festes Glück ist besser als ein weiches Etwas, ein weiches Etwas ist besser als ein klares Nichts. Alles ist besser als meins.

Gibbons erzählt mir von Träumen.
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Ein Haufen Müll
Text:naseweiß & mondgebraeunt, von ©©© A.

Freitag, 3. April 2009

schlußendlich





du wirst mich verlassen während
unsere blicke sich ein letztes mal
im spiegel verfehlen 'bild dir nicht
ein ich würde dich aufhalten' bloß
die tür für das ende des aufenthalts
eine verzögerung des plans mit dem
ich 'schluß endlich' besser fuhr nicht
das ich dir über den mund fahre mit
deiner liebe die zu spät kommt ich
sag ja nur es gibt kein halt an dieser
stelle 'mein blinder passagier' ausser
das man dich in schranken weist
bevor du zum zug kommst & dir dein
lächeln entgleist weil der preis zu
hoch ist ohne ticket zurück 'der zug ist
abgefahren' für eine reise ins glück


Text:naseweiß & mondgebräunt von © Lizzy; Hörtext erstellt von Lizzy (HvidLiljer); Musik von Die Ärzte-Komm zurück. Photo by © Fabrizio

Donnerstag, 26. März 2009

schwimmunterricht

du solltest es dir aus dem
kopf schlagen dem meer den
schaum von den lippen zu küssen
es wird ihn nicht waschen für den
augen blick ohne grund schlag sie
auf der moment ist reizvoll wenn es
dir das blau austreibt weil sie salz
in die wunde streuen blind für den
schmerz & taub für den sturm der
ihnen sand in die muscheln bläst
'mir kommen die tränen' kein
berauschendes gefühl wenn die
säcke dir das herz pökeln so sehr
du auch die luft anhälst um ihnen
den wind aus den segeln zu
nehmen musst du sie brechen

Text:naseweiß & mondgebraeunt von © Lizzy (HvidLiljer); Hörtext folgt.

Mittwoch, 25. März 2009

Love is a Battlefield



Es reicht sagst du mehr oder
weniger das maß ist voll
kommen daneben & über
fordert bist du was soll noch
passiern mit dir wenn du so
weiter machst wirst du
kassiern das dir hören &
sehen & auch das lachen
vergeht weniger ist mehr
sagst du als ich geben kann
musst du verstehen gesteh es
dir ein sagst du so läufts nicht
im leben du kannst nicht nur
nehmen sagst du & gabst mir
den rest & ich wollt doch nie
mehr dir geben


Text: (c) naseweiß & mondgebräunt von Lizzy (HvidLiljer); Hörtext von Lizzy (HvidLiljer); Musik von: Pat Benetar "love is a battlefield", Soft Cell "tainted love", Culture Club "do you really want to hurt me".

Freitag, 20. März 2009

herzschrittmacher



jetzt da nichts mehr geht &
alles gegangen ist & fort
ging mit dir & gelaufen ist
ohne ein wimperzucken & die
farbe wich aus dem gesicht das
sich verlor & dich verliefst auf
sohlen die dir näher gehen jetzt
wo das herz nicht mehr schritt
hält & stolpert im takt schlägt es
dich zu boden

(fallbeispiel)


Text: naseweiß & mondgebräunt; (c) Lizzy (HvidLiljer); Hörtext erstellt von Lizzy (HvidLiljer); Musik von Pet Benetar-"Love is a battlefield"

brokkoliliebe

Ich kann mir nicht helfen
hilflos bin ich deine brokkoli
liebe drauf reimt sich hiebe
ich es mir doch besser auf
gehoben habe ich das niveau &
darauf kommt's an oder wenn
du einen heben willst hebe
ab & an hebe ich dich auf &
halt dir das haar beim bruch
mein stück & auch die klappe
fällt & für den fall du fällst meine
tür bleibt geöffnet & offen
gesagt öffne ich nur für dich mein
herz & klappe zusammen wenn das
ende jetzt nicht klappt & aus


Text: naseweiß & mondgebräunt; (c)Lizzy (HvidLiljer); für Angelus

Montag, 9. Februar 2009

Prinzessin am Meer






Über den Stränden der Meere,
still die Muscheln betrachtend,
den Weg am Wasser entlang
und mit den Gedanken sonst wo.

Sie fliegt über das Meer
und wünscht sich
nicht hier zu sein.
Sondern dort, wo ihr Herz schlägt.

Sie, wo sie sie ist
und nicht sie und wer anders.
Die Reise in ein anderes Land.
So weit und voller Sehnsucht.

Tausend Wege und Verzweiflung,
oh - welchen nur?

Gehen - einfach nur gehen
ein Vergessen, nicht sehen wollen.
Den Tod geküsst.

Verloren, wie die Wellen am Strand.
Prinzessin am Meer!
Der Geruch von Salz und Tang,
das Fliegen der Wolken, denen sie nachschaut.

Die Stimme, die zu ihr spricht, wenn sie allein ist.
Prinzessin der 7 Meere
und vielleicht endlich zu Hause zu sein.

Arme, die sie einfach nur halten - ohne Angst.

Aber was weiß der schon?
Zu wenig, um ganz das zu sein,
was wirklich wahr sein kann.

Aber es sind Arme, die sie halten
und auch ein wenig zu Haus.
Aber fliegen mit den Wolken
über das Meer,
das ist alles - und nur für sie.

Fang mich auf!
Halt mich, um nicht wie hundertmal zu sterben.


Text: Frank Heinisch
Hörtext: Lizzy
Musik dort: Stina Nordenstamm

Sonntag, 11. Januar 2009

Als Leonore flog

Fliegen wollte sie; davon träumte sie immer.
Mit ihren kleinen Händen faltete sie Papierflugzeuge – so wie es ihre Mutter ihr einmal gezeigt hatte – ging auf den Balkon mit ihnen, ließ sie fliegen und träumte ihnen hinterher. Sie zeichnete manchmal kleine Menschen auf die Flugzeuge, oder auch andere Tiere. Auch neue Modelle bastelte sie, aus ihrer Phantasie, doch nur wenige flogen. Und manchmal fuhr sie auch mit dem Fahrstuhl nach oben und ging aufs Dach, ohne daß jemand es bemerkte. Sie breitete die Arme aus, wenn es windig war und schloß die Augen. Manchmal drehte sie sich auch dabei und stellte sich vor auf einem hohen Berg zu sein, und die Wolken zogen durch ihr Haar.
Aber nur vorstellen war ihr nicht genug. Sie traf Vorkehrungen um wirklich zu fliegen, nur in der Luft, ohne Boden unter ihren Füßen. Immer, wenn ihr Essen ins Zimmer gebracht wurde, frug sie, wann es denn endlich so weit sei. „Bald“ bekam sie immer als Antwort, „bald Leonore“. Nachts lief sie durch die Wohnung, wieder mit geschlossenen Augen, nur im Nachthemd, streifte im Vorbeigehen über Wände, Stühle, Bilder und allem, was sie in ihrem Fluge passierte; während ihre kleinen Füße auf dem Linoleum 2 Vögel waren, die sie an jeder Seite begleiteten und ihr immer wieder zuriefen, wie toll sie doch flöge. So berührten ihre Finger immer wieder Baumkronen und Dächer, denn sie liebte es auch tief zu fliegen, da man so die Geschwindigkeit besser spürte. Am liebsten über die leere See, unglaublich schnell und gerade einmal weniger als einen halben Meter über dem Wasser. Und dabei steckte sie gerne einen Finger ins Wasser und blickte hinter sich um die Fontäne zu sehen, die sie erzeugte.
Ein Ziel hatte sie nie. Ihr war das Wo wichtig, nicht das Wohin. Im Winter flog sie nicht nach Afrika ins Warme, im Sommer nicht nach Italien. Vielmehr über Berge und Täler, vorsichtig durch Wälder, seit kurzer zeit auch ganz behutsam durch Tunnel Canyons, oder auch rücklings über Wiesen; wonach sie die Blumen aus ihrem Haar wusch, im See. Ihr Essen nahm sie nur noch verringert auf. Sie wollte leichter und leichter werden, damit sie ihr optimales Fluggewicht erreichte. Auf fiel es niemandem, da niemand sich um sie kümmerte. Nur, wenn man ihr ihr Essen brachte fielen ein paar Worte; die sie nicht mehr erreichten, auf den rotschwarzen Teppich. „Mein Leben ist nicht leicht“ sagte sie sich, als ihre dünnen Finger die große Waage rausholten, die unter dem Badschrank stand, „da muß ich es wenigstens sein“. Sie wog sich jeden Tag, doch hatte auch hier kein Ziel, denn, wenn sie ehrlich war zu sich selbst, was wusste sie schon über Physik, über Auftrieb und Aerodynamik? So aß sie weiter und weiter weniger und weniger, und weiter und weiter fiel es weniger und weniger auf.
So vergingen ihre Tage, bis sie den einen fand, auf den sie schon so lange wartete. Es war warm, doch windig, fast stürmisch, der Morgen würde in Kürze über sie hereinbrechen. Und sie fasste Mut. Gestern Abend sah sie sich Bilder an, von ihrem besten Freund, der ihr alles bedeutete, und der vom einen auf den anderen tag nicht mehr an ihre Türe klopfte. Das Letzte, das er zu ihr sagte war „Morgen sitze ich wieder im Flieger, es wäre schön, wärest Du auch da“. So nahm sie ihren Mut, steckte sich ein Bild von ihm unters Nachthemd, direkt aufs Herz, ging in den Fahrstuhl und drückte mit ihrem Ellenbogen - damit es keine Fingerabdrücke, keine Spuren gab - wie so oft die 21, zog die schwere Leiter herunter, ging aufs Dach und schaute in den noch dunklen Himmel, flüsterte ein „Heute…heute“ in den Wind und kletterte auf die Brüstung; der raue Boden drückte sich in ihre Knie. So stand sie da, mit fest ausgebreiteten Armen, festem Blick und spürte, wie ihr Hemd und Haar im steifen Gegenwind flatterten. Ihr Entschluß war so wenig zu brechen wie ihre Liebe zu ihrem Freund. So lief sie an, rannte immer schneller, so schnell sie konnte, keuchte und stieß sich endgültig vom Rande ab.
Sie fühlte sich frei, als sie um sich herum nichts mehr außer Wind spürte. Schloß die Augen und genoss das Gefühl. Sie fühlte sich so fern der Welt, und dabei so eng ihrem Freund, daß sie weinte. Sie weinte für die ganze Dauer ihres kurzen Fluges und lächelte dabei.
Als der Morgen völlig hereingebrochen war, fand man sie schließlich, mit einer letzten Träne und einem milden Lächeln auf dem Gesicht. Das Einzige, was den anderen dazu und zu ihr einfiel waren die Worte, in Stein gemeißelt, „Hier ruht Leonore Sophie Bellarue, kinderlos, 74 Jahre alt“.


Text:naseweiß & mondgebräunt - von Angelus

Mittwoch, 31. Dezember 2008

Die Ergonomie einer Liebe


Bleistift-Kohle Portrait
Ursprünglich hochgeladen von HvidLiljer
(…einer Liebe, die vielleicht nicht einmal eine war)


Es fing an, wie es immer anfängt. Er trifft sie, sie trifft ihn; vielleicht flogen sie auch ein Stück nebeneinander her, und einer sah kurz zur Seite. Sie redeten miteinander, er wollte sie, sie wollte ihn, keiner bekam, was er wollte. Sie lebten eine Weile nebeneinander. Er verstand es sein Leben zu ordnen und wegzuschließen, genau, wie seine Gedanken und Gefühle. Sie wusste nicht, daß so etwas möglich ist, und hätte es für ausgemachten Humbug gehalten; nie gedacht, daß jemand so etwas machen würde. Sie lebte in den Morgen, in den Tag, in ihr Leben hinein. Zusammen waren sie wie Plastik- und Sprengstoff; eine kleine Spannung genügte. Er versteckte sich hinter seinem Intellekt und seinen Sprüchen, mit denen er ihr das Spielzimmer, das ihr Innerstes darstellte, nur noch chaotischer machte. Auch dann, wenn sie etwas mehr Ordnung darin brauchte. Manchmal hätte sie den Fels in der Brandung gebraucht, doch bekam nur den tasmanischen Teufel in der Süßigkeitenabteilung von Karstadt.
Ihre Wege trennten sich, so wie es ihre Leben schon vorher taten.
Sie wusste nicht, was sie wollte, doch fühlte, was sie brauchte. Er versuchte möglichst viel Besitz und Reichtum anzuhäufen, um zu schauen, ob er damit die Löcher, die sich in ihm auftaten, schließen könne.
Sie sahen sich für Jahre nicht. Jahre, in denen er Karriere machte bei seiner Bank, und der Höhepunkt aus 13 Plastikbuchstaben bestand, die auf seiner Türe klebten, und VIZEPRÄSIDENT ergaben. Sie reiste umher, arbeitete und half, wo sie gebraucht wurde, fand ihre beste Freundin und eine verspielte Liebelei in einer Erdbeerpflückerin mit schönen, leicht roten Händen.
Sie trafen sich eher zufällig wieder, hatten einander viel zu sagen und schwiegen sich für Stunden an. Es gab Martini beidseits, Liebesschwüre seiner- und ungläubige Blicke ihrerseits. Sein Leben verlief wie die EKG-Kurve eines 70jährigen Schweizers, der auf der Alm dem Gras beim Wachsen zuschaute, und ihres verlief wie das einer Achterbahn mit einem Bremser auf Speed.
Sie hatte Höhen, die sie fliegen ließen, und Tiefen, in der sie sich in der Nacht versteckte. Er besuchte einmal mit seiner Bank den Stephansdom, wo er sich den Zeh verstauchte, als er – wegen der Ergonomie – die Stufen hochrennen wollte. Sie suchte einen Freund und bekam auf einer Burg eine kostbare Replik einer Statue von Michelangelo. Er suchte einen verlässlichen Begleiter, und holte sich einen Wandsafe, der hinter einem Bild steckte, das das Magdeburgisieren thematisierte. Er überschüttete sie mit Liebesschwüren wie 480 vor Christi Xerxes Leonidas mit Soldaten. Sagte ihr, daß er für sie da sein will, ihr bei allem helfen, das sie manchmal schwer werden lässt. Sie traute dem Frieden nicht und stolperte über das Loch, in dem das Kriegsbeil steckte, wie er über seine Versprechen. Er zählte alles auf, was sie ausmachte, dem ein „was mich an dir nervt“ folgte. Sie ignorierte es, mit der Überraschung, die ein Berufsweihnachtsmann mit 30 Dienstjahren beim Öffnen der Türe verspürt, und sang wie immer in solchen Situationen Chris Reas „Josephine“; mehr laut als korrekt. Sie tat es Tina gleich und ließ Ike mit offenem Mund und leerem Blick stehen.
Er schickte ihr viele falsche Worte und echte Diamanten – sie meldete sich bei eBay an. Er wollte sie in eine Schublade stecken, und bei Bedarf rausholen und vorzeigen, doch sie verklemmte in jedem der Fächer. Sie wollte eine Liebe, die einem die Luft nimmt und umkippen lässt. Er wollte alles in seine Massivholzschubladen stecken, doch die waren zu klein für große Gefühle.
Er investierte in Immobilien in Südfrankreich, sie rettete ein unwilliges Dressurpferd, das nie über den Graben springen wollte, vor dem Metzger und eröffnete eine Reitschule für misshandelte Kinder. So lebten beide ihre Leben. Der eine wusste, was er in 20 Tagen zu Mittag essen würde, und warum Sonnenuntergänge aussehen, wie sie aussehen – der andere gab es auf 2 passende Socken tragen zu wollen. Als dann die Zeit für sie und ihn gekommen war, hatte der eine schon alles vorbereitet und Geld beiseite gelegt und der andere hatte das, als Scherz aufgesetzte, Testament als Lesezeichen benutzt.
Bei ihm kamen 3 Leute zur Beerdigung, inklusive dem Pfarrer und der Frau vom Beerdigungsunternehmen, bei ihr wurden keine Einladungen verschickt. Der Termin wurde herausposaunt und man hatte Probleme all die Leute auf den Friedhof zu bekommen; der Pfarrer war heiser danach. All ihre Kinder, Enkelkinder und deren Kinder, Freunde und sogar all ihre Liebschaften waren auf dem Fest, erzählten sich Geschichten von ihr, zeigten Photos herum, lachten und weinten.
Und zwischen den vielen großen Menschen sprangen dutzende Kinder fröhlich herum, denen sie wieder ein Lachen aufs Gesicht malte.



Text:naseweiß & mondgebräunt - von Angelus für Lizzy; Bild:Lizzy

Dienstag, 30. Dezember 2008

Abendliche Begegnung am Watt


Abend am Watt
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Hörtext: Abendliche Begegnung am Watt.mp3

Ebbe. Weit entfernt das Rauschen des Meeres.
Die Luft riecht nach Salz und Sand. Es riecht nach Meer. Es ist der Atem der Küste, in dem sich Strandhafer wiegt. Etwas entfernt liegen Flure violettenem Strandflieders und erstrecken sich glitzernd geschmückt in den Weiten der Salzwiesen.

Zwischen den Dünen Dieksiels steht ein alter Mann mit Mantel. Sein Blick ist abwesend. Er hat sich mit dem Wasser zurückgezogen in eine andere Welt, die grade noch ein Teil seiner eigenen war, doch jetzt fernab von diesem Ufer existiert, als gehöre sie nun zu einer anderen Realität. Ein Zauber liegt unter der Oberfläche, der sich uns zeitweise offenbart, glanzvoll und zwielichtig. Ein Spiegel aus Sand, vor dem der Horizont steht, in farbenfroher Pracht für sein abendliches Rendevouz.

Beinahe leidenschaftlich erstarb die Sonne im Unendlichen, während
Muscheln zu Gestrandeten wurden, die einem Schicksal unterliegen. Im Schnabel einer Möwe oder als Sammlerstück in Kinderhand. Doch endet es immer im Sterben. Wie auch die Sonne stirbt, wenn sie sinkt. Jedenfalls für eine Zeit. Und der Horizont trägt ihr Licht bei sich, wie ich es tu', bis die Nacht hereinbricht, - doch niemals zu früh.

Und das Licht wird weitervererbt, damit ein neuer Tag heranbrechen kann und das Wasser zurückkehrt mit neuen Muscheln voll Träumen.
In den ewigen Gezeiten des Lebens, sind es die kleinen Dingen, die es benötigt, den Kopf hochzuhalten. Und das Herz.

Das weiß auch der Alte. Er braucht nur die Augen zu schliessen, um das Licht zu sehen über dieser Welt, diesem Leben, das entfernt scheint und doch so nahe ist.
Seine Frau ist nun schon einige Jahre in dieser fernen Welt. Sie war seine Sonne. Und ihr Licht ist es, das in seinem Herzen dafür sorgt, das auch für ihn ein neuer Tag anbricht.



Text:naseweiß & mondgebräunt-von Lizzy; Photo:Lizzy; Hörtext:Lizzy. Musik:Bjørk

Montag, 29. Dezember 2008

Friesischer Winter



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Am Sandwater. Der Geruch von Schnee und frischgebackenen Neejahrskoken erfüllt die Luft und legt sich süß auf das Land. Wintereinbruch in der Fehntjer Niederung. Am Ufer, zwischen Schilf, liegt ein Boot, das die besten Tage schon hinter sich hat. Auf einem bemoosten Bug der blaue Schriftzug "Öller Alfred". Rundherum rauhreifbedeckte Bäume. Ostfriesland in Puderzucker. Hinter den Baumspitzen ragen zwei große, weiße Flügel auf und verraten das Versteck der alten Holländermühle. Etwas entfernt ein verschlafenes Klinkerhäuschen mit grünen Fensterrahmen. Am Fenster- Oma und Opa Uttecht. Oma Uttecht gibt mit einer kupfernen Kelle kleine Mengen Teig in ein Waffeleisen. Ihr gegenüber sitzt Opa Uttecht und raucht dicke Schwaden aus einer Tabakpfeife, die der alte Schornstein in den blauen Himmel hustet. Der Nebel legt sich auf die Weiden.
Eine dicke, schwarze Katze schleicht schlecht getarnt durch den Schnee und verschwindet hinter einem Haufen Laub, unter dem ein Igel Winterschlaf hält. Nebenan verneigen sich glitzernde Halme und wiegen sanft im Küstenwind, der sich bereits im Herbst verausgabt hat. Am Ufferand winzige sich bettende Sterne aus Eis, wie ein gläserner Rahmen um ein Aquarell. Das Wasser liegt glatt im Licht der Sonne. Man hat den Eindruck, ein übereifriges Kind mit Tuschkasten hätte eine kopfstehende Welt auf einen gigantischen Bogen Papier gemalt und dabei zu viel Deckweiß benutzt. Im Inneren des Rahmens fliessen die Farben ineinander. Himmelblau mit Deckweiß. Und mittendrin rotbraune Klekse, die sich, wie durch das Pusten durch einen Strohhalm angetrieben, in verästelten Linien ihren Weg durchs Blau bahnen, um am unteren Ende zu Kronen zusammenzufliessen. Hier und da ragt mutiges Rohrkolbenschilf kristallen aus der Oberfläche und begeht Stilbruch. Wie *Kluntjestäbchen, die verkehrt herum in den Tee gesteckt wurden. Kindlich naiv, doch schöner als das schönste Gemälde von *Andreas Kruse. Früher kamen die Leute aus der Umgebung an den See, um Rheit zu schneiden, sagt Opa Uttecht, der dabei Oma Uttecht zum ersten Mal sah. Heute ist das Rheitschneiden verboten. Es ist still geworden. In der Ferne das Läuten der Dorfkirche, das verstummt. Tiefgefrorene Zeit.
Die Sonne hat sich im lautlosen Geräusch fallenden Schnees zurückgezogen und das Aquarell erscheint in dunklerem Ton. Am Ufer gegenüber steht das Schilf wie Sicheln und ein dicker Schneemann mit ausdruckslosem Gesicht wird starrer Betrachter eines Abends, der zu früh hereingebrochen ist. Um den Hals trägt er einen Schal. Mehr der Optik wegen, denn Kälte ist er gewohnt. Und dennoch scheint ihm etwas zu fehlen.
Ein Baum, dem die Last zu groß ist, wirft einen Ast voll Schnee hinab und ein kleines Mädchen mit grüner Mütze und roten Zöpfen kommt hinter seinem Stamm hervor. Unter ihren Schritten das matte Geräusch gepressten Schnees. Vor dem Schneemann bleibt sie stehen und schaut aus großen, blauen Augen. 'Ich weiß jetzt, was Dir fehlt', sagt sie und öffnet die kleinen Finger. In ihrer Hand kommen einige dunkle Kiesel zum Vorschein. 'Wie, Du weißt nicht was das ist?' fragt sie und mit einem scherzhaften Kopfschütteln setzt sie dem Mann Kiesel für Kiesel halbmondförmig ins Gesicht. Unter einem Wildgänseschrei zieht sich ein Riss durchs Papier und dem Schneemann wächst ein Lächeln in Zeitlupe.



*Kluntjestäbchen (auch Kandisstäbe genannt: Kluntjestäbchen )
*Andreas Kruse ist ein Marinemaler, den man bei gutem Wetter oft mit Pinsel bewaffnet an der friesischen Küste antrifft.

Text:naseweiß & mondgebräunt- von Lizzy. Hörtext: Lizzy; Photo:Lizzy.

Montag, 22. Dezember 2008

Küstenwetter



Küste. Der Wind bläst die Wolken über den Himmel. Am Boden sieht es aus, als herrsche ein Sandsturm. Ein Sandsturm auf Knöchelhöhe. Es ist nicht wirklich kalt, aber wehe, man hat keine Jacke dabei. Küstenwetter eben. Ein Mann mit Trenchcoat läuft parallel zum Wasser der Nordsee. Columbo in Carolinensiel. Hätte er gute Augen, könnte er bis nach Wangerooge sehen – hat er aber nicht.
Heute morgen beschloss er nicht zur Arbeit zu gehen, mindestens eine Woche nicht. Sein Chef sagt, daß ohne ihn nichts läuft. Das will er testen. Weiter weg sieht er jemanden, und geht darauf zu. Mehr um des Gehens wegen. Eine Frau steht dort. Grüne Jacke und leuchtend rote Haare, die Ihr der Wind nach hinten weht – die Haarsträhnen tanzen im Wind. Der Mann bereut keinen Photoapparat bei zu haben.



Ihr Blick geht aufs Meer – Sie kann Wangerooge sehen. Sie sieht jede Einzelheit, jeden Baum; aus Ihrer Erinnerung. Er kommt näher, Sie sieht ihn nicht; Sie ist konzentriert.
Sie redet, flüstert Wort in den Wind, auf daß er sie fortträgt, mitnimmt, wo auch immer er hingeht. Er versteht nicht Ihre Wort, es ist nicht seine Sprache. Ihre auch nicht mehr. Sie bemerkt ihn und deutet auf eine Stelle vor sich, wo eine Plastikform vom Sandsturm begraben wird.
„Es ist schön, wenn man sieht, daß es noch Kinder gibt“ sagt Sie und schaut wieder aufs Meer.



Text: naseweiß & mondgebräunt - von Angelus für Lizzy,
Photo: © Lizzy (HvidLiljer); Möwenphoto © rita_baer - Herzlichen Dank :) .Hörtext: Lizzy.

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Mina



Mina hat so alles, was man sich wünschen kann; Sie bekommt all das, was Sie sich wünscht. Ja, auch Zeit, Aufmerksamkeit und Liebe, genug sogar. Mina ist jetzt etwa 7 Jahre alt, hübsch, und in etwa das Kind, das man sich wünscht, wenn man sich denn eines wünscht. Doch Sie lacht selten, und spielen tut Sie auch fast nie. Traurig ist Sie nicht, niemand tut Ihr weh, niemand würde auch nur daran denken. Doch Ihr fehlt etwas, etwas Großes.
Als Mina noch ein Kleinkind war, fiel Sie einmal vom Bett, auf dem Sie gerade gewickelt wurde, und stieß sich den Kopf. Nicht doll, es blutete nicht, aber es reichte, um Ihren Kopf etwas kaputt zu machen.
Minas Gehirn ist komplex. Es arbeitet auf eine Weise, die dem jedes anderen fremd wäre, und die ein anderes sicher zerstören würde. In Ihrem Kopf gibt es mehr Verbindungen als üblich, es gibt Zentren, die der heutigen Wissenschaft noch unbekannt sind. Und als Sie fiel und sich den Kopf stieß, wurden nun viele der Verbindungen unterbrochen, und, was schlimmer wiegt, eines der vielen Zentren, ein empfindliches, wurde so arg beschädigt, daß es nicht mehr funktioniert. Das Zentrum der Phantasie.
Wenn Mina vor Ihren bunten Spielsachen steht, dann sieht Sie nur das viele bunte Plastik und Holz. Wenn Sie Ihre Puppen in der Hand hält, dann spürt Sie nicht das Leben in ihnen. Ein Regenbogen ist für Sie nicht mehr als ein bunter Bogen am Himmel. Sie sieht nicht die Einhörner, die auf ihm laufen, die Kobolde am Ende, oder die Feen, die darauf umher fliegen.
Minas Zimmer ist immer aufgeräumt. Wenn Sie bei anderen Kindern ist, gefällt Ihr die Unordnung in deren Zimmern nicht. Sie sagt nie etwas, denn Sie weiß, daß man darüber nichts sagt, aber wenn man Sie nicht sieht, räumt Sie heimlich ein paar Sachen ein. Ihre Eltern wissen nicht, was Ihr fehlt. Sie waren bei Ärzten und Therapeuten. Aber die Ärzte haben nicht die Geräte, die sensibel genug sind für Ihr Gehirn, und die Therapeuten finden keinen Ansatz; können Sie nicht greifen. Von allen, den Eltern eingeschlossen, wurde insgeheim vermutet, daß Ihr jemand Schaden zufügt, aber niemand wüsste wer, und es finden sich auch nie körperliche Anzeichen.
Beliebt ist Sie, nun, teils. Sie ist sehr freundlich, hilfsbereit, geht einigermaßen offen auf die Menschen zu und sagt nie ein böses Wort, aber für viele ist es anstrengend Sie länger bei sich zu haben. Sie lacht selten. Es wird immer versucht Ihr eine Freude zu machen. Egal, ob schönes Spielzeug, ein Ausflug in den Vergnügungspark oder Spiele die sie zuhause spielen – selten sieht man Sie wirklich lachen.
Traurig ist Sie nicht – Sie ist irgendetwas dazwischen.
Was Sie später einmal werden will weiß Mina bereits. Sie will Schränke entwerfen. Sie will Ordnung in die Häuser der Menschen bringen. Sie merkt, daß von ihr etwas erwartet wird, denn dumm ist Sie auch nicht, aber sie weiß nicht was, und Ihre Eltern können es Ihr nicht erklären.
Für die Rolle in der Welt, die für Mina vorherbestimmt war, passt Sie nicht. Sie ist zu klein um diese Lücke zu schließen.


Eine Zuggeschichte.
„Mina" war zuerst da - Sie schrieb sich selbst.
Text: naseweiß & mondgebräunt - von Angelus
Hörtext: Lizzy, Musik: Allison Crowe

Dienstag, 16. Dezember 2008

„...beim Führer hätte es so etwas nicht gegeben"

Ich und er haben ein Spiel, wir sind unser eigener Debattierklub. Das funktioniert, indem wir ein Thema nehmen, einer muß dafür und einer dagegen sein. Wer was ist wird mit einer Reichsmark mit Hakenkreuz entschieden, auf die wir auf einer Seite „Sieg“ und auf der anderen „Heil“ eingekratzt haben, damit es von Anfang an gleich brisant zugeht. Wichtig ist noch zu sagen, daß wir nicht unbedingt wir selbst sein müssen. Zum einen haben wir ja nicht zu allem einen Bezug, und zum anderen schützt einen das auch.
Wenn ein Thema ins Stocken gerät, es ausgelutscht ist, oder einfach langweilig wird, ruft einer den inoffiziellen Schlusssatz „…beim Führer hätte es so etwas nicht gegeben“. Das ist so wie das Codewort beim SM (die Münze verleitete uns…).
Letztens haben wir wieder das „St. Galler Tagblatt“ zerrissen und blind einen Schnipsel gegriffen – unsere Methode, wenn wir bei der Themenwahl nicht weiter wissen. Auf dem Schnipsel stand „nd begann Selbstmord“. Die Reichsmark wies ihm die Rolle des Befürworters.
„Es ist unmenschlich.“ – „Das Wort ist falsch. „Mord“ ist jemanden gegen seinen Willen zu töten. „Freitod“. Es ist nicht unmenschlich. Der Mensch will alles unter Kontrolle bringen. Der letzte Schritt kann daher nur sein Zeitpunkt und Art des Todes selbst zu bestimmen.“ – „Was ist mit Deiner Familie, Deinen Freunden, die alle unter der Trauer leiden würden?“ – „Wenn es da so arg viele geben würde, wenn ich jemanden hätte, der um mich weinen würde, würde ich dann überlegen, mit einem letzten Zucken meines Zeigefingers aus dem Leben zu treten?“ – „Aber was ist mit all dem Glück, das Du verpasst, all die Küße, wenn es draußen regnet, die Sonnenuntergänge zu zweit, all die Freuden, die das Leben bietet?“ – „Wie gesagt, würde ich daran denken, hätte ich all dies, oder auch nur einen Teil dessen? Ich weiß, daß es viel Schönes gibt auf der Welt, aber auch, daß mir fast alles davon verwährt bleibt.“ – „Woher willst Du das so genau wissen? Was ist, wenn sich einen Tag später alles geändert hätte?“ – „Warum, weil morgen die Prinzessin auf dem Ross angeritten kommt? So etwas gibt es eben nur im realitätsfernen Märchen, und nicht für Leute wie mich. Die Welt ändert sich nicht komplett von heute auf morgen. Zehntausende Jahre Entwicklung, und immer noch geht es nur ums Töten und Kindermachen.“ – „Und deswegen würdest Du Dir Dein Gehirn mal kräftig durchlüften?“ – „Nein, wenn, dann würde ich mir durchs Herz schießen, dann wäre endlich und sicher Schluß mit dem Mist“
Mir war komisch im Magen. „...beim Führer hätte es so etwas nicht gegeben“.

Etwas war dieses Mal anders. Er kann schon gut in andere Rollen schlüpfen – er sagte mir mal, daß jede einen eigenen Namen hat, das macht es leichter – aber diesmal war die Figur zu lebendig, er spielte sie zu leicht.

Text: naseweiß & mondgebräunt - von Angelus